Eigentlich ist bzw. war die Grundidee folgende: Krankenkassen zahlen bei Krankheit oder Behinderung (sowie bei Kindern, damit sich das Sehvermögen, also die "Verdrahtung" im Gehirn, überhaupt erstmal entwickeln kann).
Das Problem entsteht durch die Defintion von Krankheit und Behinderung, denn: eine Kurz- oder Weitsichtgkeit ist keine Krankheit, das Auge ist im Verhältnis zur Brechkraft einfach entweder zu lang oder zu kurz; so wie bei manchen Menschen die Beine im Verhältnis zur gesamten Körpergröße zu lang oder zu kurz sind.
Eine Behinderung liegt auch nicht vor, da die Folgen der "falschen" Augenlänge mit Hilfsmitteln zu korrigieren sind - mit Brille kann die Sehfähigkeit genauso hoch sein wie bei einem rechtsichtigen Auge.
Erst, wenn die Sehschärfe auch mit Korrektur nicht über einen bestimmten Visuswert hinauskommt, spricht man von einer Behinderung. Das hat dann allerdings die absurde Konsequenz, daß die Krankenkassen nur für Brillen/Kontaktlinsen bezahlen, die nichts nützen. Denn wenn sie nützten, hätte man keine Behinderung...
Daß die Krankenkassen bei höheren Korrektionen dann doch wieder was zahlen (sph > 6dpt, cyl > 4,0 dpt usw.) ist erst seit ein paar Jahren der Fall - und das ist dann allerdings komplett inkonsequent, da die Grenzen vollkommen willkürlich gesetzt worden sind. Ob jemand 6 dpt benötigt (wird nicht gezahlt) oder 6,25 (wird gezahlt) macht schließlich bezüglich der Einschränkungen im Alltag ohne Korrektion praktisch keinen Unterschied.
Wollte man das Ganze irgendwie logisch wieder glattziehen, müßte man entweder sagen, man zahlt jede Korrektion unabhängig von der Stärke, oder kommt wieder zurück auf den Grundsatz "nur bei Krankheit oder Behinderung", frei nach dem Motto: Wenn maßgeschneiderte Hosen Privatangelegenheit desjenigen sind, dessen Beine länger/kürzer sind als üblich, dann sind auch Brillen Privatangelegenheit desjenigen, dessen Augen länger/kürzer sind als üblich.
Nun könnte man natürlich argumentieren, daß eine unkorrigierte Kurzsichtigkeit von z.B. 4 dpt die Berufswahl einschränkt, weil man dann nicht LKW-Fahrer oder Pilot werden könnte, und deshalb müsste die Krankenkasse die Brille zahlen.
Aber: würde man bei jemanden mit 2,20 Körpergröße sagen, da muss die Krankenkasse jetzt eine Knochenverkürzung zahlen, weil derjenige sonst nicht Formel-1-Fahrer werden kann? Wohl eher nicht; man würde ihm stattdessen vielleicht raten, Basketballer zu werden. Und wenn wir das akzeptieren, dann wäre es eigentlich auch logisch, dem Kurzsichtigen zu sagen: Mit Deinen Augen kannst Du Uhrmacher werden, und wenn Du lieber LKW fahren willst, dann kauf' Dir halt eine Brille. Oder dem Weitsichtigen: Werd' doch Jazztrompeter, die haben sowieso die ganze Zeit die Augen zu...

[Ja, ich weiß, die Beispiele sind stark zugespitzt.]
Fazit: Man kann begründen, warum die Krankenkassen jede Brillen-/Linsenversorgung zahlen sollten, man kann aber auch begründen, warum sie in weniger Fällen zahlen sollten. Die aktuelle Lösung ist aber leider weder das eine noch das andere, und daher unbefriedigend inkonsequent.
Rate dreimal hintereinander richtig, und du wirst den Ruf eines Experten haben.
(Laurence Johnston Peter (1919-90), amerik. Managementberater)